Tage wie Asphalt

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Das Licht der Welt

In schnellen Schritten gleite ich die Treppe herunter, das Gewühl wird weniger. Ein langer Gang in Fliesen. Kurze Momente der Stille. Eine Atempause, bevor ich abbiege und in einer Melange aus Körpern verschwinde.
Eine U-Bahnstation in der Großstadt. Irgendwo.
Die moderne Stadt besteht aus Beton, aus Stahl, aus Glas, aus Asphalt. Aber vor allem besteht sie aus Menschen. Und aus ihren Geschichten. Die Stadt ist so ambivalent wie ihre Bewohner. Sie ist anonym. Sie ist kalt. Und fremd. Von einem Bankett eines Bettlers hört man die Wandervögel singen: „Und wenn ich die gesichtslose Menge absuche. Eine wirbelnde Masse aus Grautönen. Und Schwarz-Weiß. Sie sehen für mich nicht echt aus. Sehen sie nicht seltsam aus?”
Die Stadt ist so ambivalent wie ihre Menschen. Sie ist intim. Sie ist voller Wärme. Sie ist vertraut. Während eine ältere Frau in Gedanken versunken aus der Bibel zitiert, erkennt man Episoden reich an Menschlichkeit. Es sind Geschichten von Zuneigung, von Erschöpfung - voll von Stress, Freude, Hoffnung und Resignation. Es sind innige Erzählungen der Kinder der Stadt.
Eine leise Frauenstimme kommentiert die Szenerie: „Sie sind in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an sie glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.”
Die U-Bahn hält. Die Türen öffnen sich und die Leute strömen heraus und gehen ihren Weg. Und leben ihr Leben.
Im Altgriechischen unterscheidet man zwei Begriffe für das Leben:
Zoon, das Leben an sich. Und Bios, das gelebte Leben. Hier gibt es beides.
Paare, die sich in der U-Bahn gegenübersitzen. Menschen, die der Erschöpfung nachgeben. Träumer, die durch Birkenwälder flanieren. Sammler, deren Flaschen sich als Unterpfand ihres Daseins erweisen. Freunde, die ein kühles Getränk am Abend genießen. Kinder, die müde ihre stolzen Ballons präsentieren. Genießer, die Abkühlung im kalten Nass suchen. Trauernde, die ihre Liebsten auf der letzten Reise verabschieden. Und urbane Suchende, die alles einfach nur begreifen möchten.
Um die Stadt zu verstehen, muss ich ihre Bewohner verstehen. Ihre Individualität und ihre Geschichte. Eine Exploration der Stadt beginnt und endet bei ihnen. Sie sind es.

Das Salz der Erde


 

Jakob Dopheide